Sansibar, Stone Town – Auf den Spuren Freddie Mercurys und der Sklavenhändler

Stone-Town-Boys

Da sagt noch einer Reisen würde nicht einen großen Beitrag zur Bildung leisten. 39 Jahre meines Lebens war ich der festen Überzeugung, dass Freddie Mercury Brite ist und seine ethnische Herkunft irgendwo im britischen Empire liegt.

Was ich nicht über Freddie Mercury wusste

Das ist jedoch nicht die ganze Wahrheit. Freddie Mercury wurde 1946 als Farrokh Bulsarain in Sansibar-Stadt (Stone Town wird der alte historische Teil genannt), Tansania geboren. Er ist persischer Abstammung, seine Eltern waren Parsen. Bis zu seinem achten Lebensjahr lebte er auf Sansibar und wurde dann auf ein indisches Internat geschickt. Schon hier wurde er von Freunden „Freddie“ genannt. Seine Familie verließ Sansibar 1964 im Zuge der Revolten (Aufstand der afrikanischen Mehrheit gegen die arabische Minderheit, die sie bisher regierte) und siedelte nach England über.

Nicht dass ich ein großer Fan von Queen bin, dennoch hat mich sein Werdegang einigermaßen fasziniert und immerhin bin ich mit einigen seiner Songs groß geworden.

Offensichtlich war Freddie Mercury ein Ausnahmetalent und widmete sich bereits als Jugendlicher intensiv der Musik und dem Malen – zudem war er sportlich. Der schüchterne Junge von der Tropeninsel schaffte es, ein Mythos zu werden. Mit seinem unverwechselbaren Gesang und seiner enormen Bühnenpräsenz avancierte er Mitte der 1970er Jahre zum Weltstar. Indes hatte er als Frontmann wesentlichen Anteil am Erfolg von „Queen“. Seine laszive Bühnenshow machte den bekennenden Bisexuellen zu einem der populärsten Künstler seiner Zeit und die Songs von Queen wurden zu wahrhaften Kult-Hymnen (zum Teil mit ähm, Headbanging und Fußballstadion-Charakter).

Nach dem AIDS-Tod des Künstlers in 1991, löste sich die Band Queen auf.

 Mercury-House-Stone-Town

Freddy Mercury Pilgerstädten

Auch wenn Stone Town sichtlich stolz auf seinen berühmten Sohn ist, als homosexueller Erwachsener hätte er sich dort wohl nicht erwünscht gefühlt und wäre möglicherweise sogar verfolgt worden, denn gleichgeschlechtliche Beziehungen sind auf Sansibar streng verboten. Vielleicht ist das ein Grund, warum Farrokh Bulsara, der verlorene Sohn der Insel, bis zu seinem Tod nie nach Sansibar zurückgekehrt ist – auch nicht, als er Freddie Mercury hieß.

Viel gibt Stone Town für Mercury-Pilger und Verehrer nicht her. Es ist nicht überliefert, in welchem Haus er geboren und aufgewachsen ist. Insofern rühmen sich einige Häuser, mit goldenen Schildern, als seine Geburtsstätte. Doch drin ist nichts weiter als ein Souvenirshop.

Dann gibt es da noch das Mercury´s  Restaurant und Bar am Hafen, in der Nähe des Fähranlegers. Es rühmt sich zwar nicht als Freddie Mercury´s Geburtshaus und doch macht es gutes Geschäft in seinem Namen. Jede Ecke des Innenraums ist mit Bildern und Relikten des berühmten Namensgebers geschmückt, die Bedienungen und Barkeeper tragen sein Konterfei auf der Brust, unaufhörlich sind Queen-Songs aus den Lautsprechern zu hören, aber es ist einer der entspannteren Hang-Outs für Touristen. Auch wir sitzen dort in der Mittagshitze und gönnen uns ein kühles Kilimanjaro Bierchen auf der schattigen Terrasse, um uns für die dunklere Seite der Vergangenheit der Stadt zu rüsten.

    Stone-Town-Waterfront

Stone-Town-Waterfront-Fanta

Sansibar und der Sklavenhandel

Sansibar liegt zwar vor der afrikanischen Küste, wurde aber jahrhundertelang von Arabern regiert. Diese konnten ihre Herrschaft über die Insel bis 1964 aufrechterhalten, genauer gesagt, bis zum 11. Januar 1964. Denn die Revolution, die an diesem Tage ausbrach, beendete die arabische Herrschaft.

Die Insel war einer der Hauptumschlagplätze des Sklavenhandels und Stone Town der letzte große Sklavenumschlagplatz Afrikas. 1872 wurde der Handel offiziell verboten, ging aber noch bis 1905 weiter. Die Sklaven hausten bis zu ihrem Verkauf auf dem Markt unter furchtbaren Bedingungen in Kellern. Noch heute zeigt man uns schaudernden Touristen die Verliese, in denen die Schwarz-Afrikaner gefangen gehalten wurden. Ein beklemmendes Denkmal erinnert zudem an diese traurige Geschichte.

 Old-Slave-Market-Sansibar

Garküchen, Märkte und die arabische Baukunst

Ja, Sansibar birgt dieses dunkle Geheimnis in seiner Geschichte und zudem auch eine Reihe an Neuzeitproblemen (Kriminalität, Drogen) was seine tropischen, schneeweißen, palmengesäumten Sandstrände auf den ersten Blick nicht vermuten lassen. Doch es wäre umso trauriger, wenn die Touristen sich deswegen nur noch in den Luxus-Resorts an der Ostküste verstecken würden. Immerhin finden einige, wie auch wir, den lohnenswerten Weg in das Gassenlabyrinth von Stone Town und lassen uns zwei Tage einfach treiben. Ein Verlaufen ist sowieso unmöglich. Irgendwann landet man wieder an der Seeseite und findet seinen Weg zurück in den bezaubernden Altstadt-Dschungel aus schmalen Gassen, historischen Handelshäusern mit überhängenden Balkonen, kleinen Innenhöfen, den berühmten Sansibar Holztüren, Bazaarständen oder historischen Plätzen. Abends bieten im Forodhani-Park unzählige Garküchen lokale Köstlichkeiten an (mhmm Zanzibari Pizza oder das lokale Naan Brot).

In einem der schönen Gästehäuser (für jede Preiskategorie) im Kolonialstil kann man danach in einem Zimmer mit hohen Decken bei Kerzenschein die Eindrücke des Tages Revue passieren lassen, bevor einem im Himmelbett aus Tropenholz unter dem Moskitonetz die müden Augen zufallen.

Am ursprünglichsten ist Sansibar wahrscheinlich frühmorgens auf dem Markt am Hafen und dem Darajani Market mit seinen engen, dunklen Gassen. Touristen sehen wir um diese Zeit kaum und doch fühlen wir uns sehr willkommen. Gestank, Enge und Hektik lassen uns jedoch nicht allzu lang verweilen. Wir gönnen uns einen starken arabischen Kaffee und shoppen uns noch ein wenig durch die schönen Läden mit antiker Handwerkskunst sowie jeglichen Kitsch, bevor auch wir uns der Küste nähern, um ein paar weitere Tage die Füße hochzulegen.

Stone Town Bazaar

Market-Stone-Town-Sansibar

Old-Slave-Market-Sansibar

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Stone-Town-Street-Life

Sansibar-Door-Stown-Town

Bilder: ©Privateigentum, Mercury House: ©istockphoto

8 comments

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  • Ach der gute Freddie… ein Juwel der Musik! Wie sehr ich ihn vermisse! 🙁
    By the way: Schön Bilder und ein interessanter Reisebericht… Sansibar steht defintiv auf meiner Bucketlist! 🙂

    • Eva

      Nix wie hin da! Es ist toll aber den Rest des Landes auch nicht vernachlässigen, fallst Du Interesse an Afrika (Tiere, Natur, Kultur uns so ..) hast.
      Wenn Du Freddie spielst tobt bei Dir doch sicherlich der Bär auf der Tanzfläche, oder?

  • Ein schöner Bericht! Ich war 1999 da und möchte unbedingt noch einmal hin. Viele Jahre war es nicht so gut möglich, weil die Spannungen dort doch sehr groß waren, seit ein paar Jahren scheint das wieder abgeflaut zu sein. Nur nach Sonnenuntergang würde ich die nicht-touristischen Viertel meiden, wie hatten damals zu zweit ein etwas unschönes Erlebnis mit korrupten Polizisten. :/
    LG /inka

    • Eva

      Dankeschön, Inka! Oh, ja, Afrika und die korrupten Polizisten. Ich habe es nirgendwo schlimmer erlebt als in Mozambik. In Tansania und Sansibar habe ich mich eigentlich recht sicher gefühlt, obwohl wir nicht im Touristenresort hausten, allerdings waren wir dort nicht mit dem eigenen Wagen unterwegs und sind insofern wahrscheinlich den korrupten Jungs entgangen 😉

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  • Alex

    Mit großem Interesse las ich deinen Beitrag.
    Wir waren 2013 auf Sansibar und ich gestehe, auf eigene Faust hätte ich mich das alles nicht getraut.
    Es war z.T. recht mulmig unter den Einheimischen und deswegen haben wir uns für alles einen Guide genommen.
    Hab deinen Artikel gerne geteilt… falls du auf FB bist, wir haben neuerdings eine Gruppe ‚ Paradiesisches Sansibar ‚ eröffnet.

    LG Alex

    • Eva

      Hallo Alex,
      vielen Dank für Deine Eindrücke. Scheinbar hat euch Sansibar aber trotz der Vorbehalte gut gefallen, oder? Ich bin schon viel gereist auch in Afrika und mir ist eigentlich nur Freundlichkeit begegnet, manchmal muss man sich einfach nur trauen und offen sein.
      Viele Grüße

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