London im Rollstuhl – Pleiten, Pech, Pannen und ein Happy End

 

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Dieser Bericht liegt mir besonders am Herzen und macht mich ausnehmend stolz. Nicht auf mich, von mir stammen diese Zeilen nicht, sondern auf meine fünfzehnjährige Nichte, eine coole Socke, die diesen Text verfasst hat. Und ihre Eltern, diese Kämpfer, diese Bollwerke, die ihr, aller Widrigkeiten zum Trotz, eine Herzenswunschreise nach London ermöglicht haben.

Evelyne ist ein normaler Teenager mit typischen Teenager-Interessen. Nur die überproportional ausgeprägte Reiselust im Familiengenpool hat sich offensichtlich auch auf sie übertragen. Sie will die Welt erobern!

Allerdings reist es sich für Evelyn nicht leichtfüssig und vogelfrei, sondern denkbar schwierig. Aufgrund eines seltenen, genetisch bedingten Muskelschwundes (genannt SMA – Spinale Muskel Atrophie) sitzt sie im Rollstuhl und ist auf Rundumbetreuung angewiesen.

Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die junge Dame hat sich noch niemals unterkriegen lassen. Schon gar nicht in London, wo nicht gerade alles wie am Schnürchen lief und eine deutsche Fluggesellschaft sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hat.

Ehrlich gesagt so viel Aufregung am Stück hatte ich auf all meinen Reisen zusammen nicht. Oder seid Ihr schon mal nachts aus dem Hotelbett auf den Hof gejagt worden, wart ungewollt Mittelpunkt des Geschehens im vollbesetzten Flugzeug? Sind bärenstarke Männer schon vor Euren Augen kollabiert? Mir ist nichts dergleichen passiert, diesem Trio hier schon.

Vorhang auf, bitteschön Evelyne:

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London. Eine sehr aufregende und interessante Stadt, die man unbedingt mal gesehen haben muss.

Im August war es so weit, ich und meine Eltern flogen nach London. Angekommen am Flughafen in München verliefen einige Dinge nicht so, wie sie eigentlich sollten.

Als körperlich eingeschränkte Person im Rollstuhl ist es üblich, dass man am Gate vom

sogenannten Mobility Service abgeholt wird und als Erster in den Flieger einsteigen darf. Dies ist nötig, da meine Mutter mich ins Flugzeug tragen muss und mein Vater zuerst den Kindersitz fixieren muss, da ich nicht frei sitzen kann. All das erfordert mehr Zeit und würde zudem möglicherweise andere Fluggäste stören.

Am Gate warteten wir also eine sehr lange Zeit. Unser Flieger der Lufthansa sollte um 16:00 losfliegen. Kurz vor 16:00 sah ich schon, wie alle anderen Passagiere in den Bus stiegen und zum Flugzeug gebracht wurden. Zu diesem Zeitpunkt war ich also bereits etwas unruhig und ich dachte, man hätte uns vergessen.

Endlich aber kamen zwei Leute vom Mobility Service, die mich und eine andere Frau mit

einem Art Shuttle als Letzte zum Flugzeug brachten.

Da schon alle Passagiere im Flugzeug saßen und nun alles sehr schnell gehen musste, war mir vor lauter Stress auf dem Hinflug schlecht. Na toll.

(Anmerkung: Meine Schwägerin musste ihre Tochter ohne Hilfe bis zur fast letzten Reihe im voll besetzten Flugzeug bis ganz nach hintern tragen. Vorbei an starrenden und rumhantierenden Passagieren. Mein Bruder mit der behindertengerechten Sitzfixierung voraus …)

In London angekommen mussten wir uns dann erstmal umschauen wie wir überhaupt zum Hotel kommen sollten. Wir buchten uns also ein Shuttle am Flughafen wo mein Rollstuhl, das Gepäck und der Kindersitz reinpassen mussten. Das ganze kostete dann letztendlich umgerechnet sagenhafte 260 Euro.

Endlich im Hotel gelandet brauchte ich ausgiebig Ruhe von der ganzen Anstrengung und Aufregung.

 

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London Sightseeing im Rollstuhl

Am nächsten Tag sollte es dann richtig losgehen. Es wurde dann auch gleich der Big Ben und das Parlament besichtigt, da das sehr nah bei unserem Hotel lag. Außerdem sind wir im London Eye mitgefahren, was ziemlich cool war und man konnte ohne Probleme mit dem Rollstuhl hineinfahren, ohne lange warten zu müssen. Der Trafalgar Square durfte natürlich auch nicht fehlen und so besuchten wir diesen anschließend.

Selbstverständlich wollte ich auch zu Madame Tussauds und so machten wir uns am zweiten Tag auf den Weg zur Underground, doch als wir dort ankamen, gab es nirgends einen Aufzug.

Nachdem dieser Part also scheiterte, beschlossen wir Buskarten zu kaufen, denn das geht gut mit dem Rollstuhl und ist zudem nicht sehr teuer.

Bei Madame Tussauds wurde ich erst aber enttäuscht, da immer nur drei Rollstuhlfahrer

in das Gebäude durften und an diesem Tag schon alles ausgebucht war. Ein Mann schrieb uns aber für den nächsten Tag auf die Gästeliste, was mich sehr freute. Der restliche Nachmittag wurde dann noch in der Oxfordstreet verbracht, denn bei Shopping sage ich NIE nein.

 

Feueralarm im Hotel

Der Abend allerdings wurde weniger schön, da es einen Feueralarm im Hotel gab. Zum Glück brannte nichts, jemand hatte den Alarm anscheinend absichtlich ausgelöst. Die Aufzüge funktionierten jedoch nicht mehr, was für uns ein Problem war, denn unser Zimmer lag im 5. Stock. Meine Eltern trugen mich also runter und wieder hoch und der Rollstuhl wurde uns hinterhergetragen, wobei die freundlichen Helfer jedoch kollabierten. Kein Wunder. Das Ding wiegt weit über 50 Kilo.

Am nächsten Morgen war ich dann aber dermaßen schlapp von der langen Nacht, sodass wir nicht zu Madame Tussauds gehen konnten.

Nachdem ich dann also den ganzen Vormittag schlief, beschlossen wir nachmittags dort nochmal aufzuschlagen, um uns Karten zu besorgen. Tja, leider war der hilfsbereite Mann vom vorherigen Tag nicht da und man erklärte uns, wir könnten nur telefonisch Karten besorgen, was wir absolut nicht verstanden da es ja am Vortag auch anders ging. Übrigens versuchten wir es vom Hotel telefonisch, eine Stunde lange, vergeblich. Der Besuch bei Madame Tussaud fiel also ins Wasser und es gab nur eine Sache, die mich aufmuntern konnte, Shoppen, was sonst. Also wurde ein Großeinkauf bei Victorias Secret, TopShop etc. getätigt.

 

Durch den Hintereingang zu den Kronjuwelen

Am Freitag fuhren wir zum Tower of London, denn die Kronjuwelen wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Wir wurden vom Beefeater persönlich über einen Hintereingang hineingeführt, sodass wir nicht anstehen mussten. Manchmal bringt so ein Rolli eben doch einen Vorteil.

Danach ging es noch auf die Tower Bridge, von dort hat man einen mega Ausblick und mir hat die Brücke sehr gut gefallen.

Samstag wurde dann noch mal ein richtiger Shopping Day in der Oxford Street und im Harrods Kaufhaus.

Der letzte Tag war Sonntag, denn wir flogen am Montag wieder zurück.

An dem Tag ging es dann zum Buckingham Palace, wo wir hinliefen bzw. rollten, da er nicht weit entfernt war.

Auch dieser war sehr schön anzusehen und vor allem groß. Auf dem Weg zurück verliefen wir uns, was eigentlich nicht weiter schlimm war, denn so konnten wir, weg vom Touristentrubel, einen geruhsamen Spaziergang durch London machen.

Als der Tag der Abreise da war, mussten, wir früher aufstehen, da unser Shuttle schon um 9:00 kam. Der Rückflug verlief glücklicherweise reibungslos und wir kamen gut im sonnigen München an. Zuhause ist es eben doch am schönsten. Wer stimmt mir zu?

 

London im Rollstuhl

Wer bei Rollstuhlreisen gut vorplant, ist klar im Vorteil und ich kann es nur jedem empfehlen, sich rechtzeitig im Vorfeld zu erkundigen. London insgesamt ist eine wunderschöne Stadt, die für körperlich eingeschränkte Menschen sehr gut geeignet ist. Die Fußgängerüberwege sind alle flach und mit Signalen für Blinde ausstaffiert. Die veraltete Metro ist für Rollstuhlfahrer weniger geeignet, dafür sind die Busse behindertengerecht und die Menschen generell sehr höflich, hilfsbereit und starren nicht permanent.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass es trotz aller Aufregung eine sehr schöne Städtereise war, die ich jederzeit wieder machen würde.

Danke fürs Lesen!

 

Wenn ihr mehr praktische Fragen zu London mit Rollstuhl oder Reisen mit Handicap habt oder Hilfestellungen benötigt. Traut Euch, mein Bruder oder Evelyne können mit viel Erfahrungsschatz helfen.

 

Bilder:©Evelyne, Titelbild:©Pixabay

One comment

  • Ich bin platt. So ein toller Beitrag, Kompliment für Euch beide. Er hat mich nachdenklich gestimmt und gleichzeitig fröhlich. Macht er doch Mut, sich nicht unterkriegen zu lassen und seine Wünsche zu verwirklichen, auch wenn es viel Kraft kostet.
    Ganz liebe Grüße, Ines

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