Portugal, Algarve: fünf Minuten Fernweh und die Folgen.

Dieses Gefühl ist so unkalkulierbar wie ein Seebeben, so unberechenbar wie die Wurzel aus zwei. Unterschwellig ist es immer da, häufig bricht es aus dem Nichts hervor und ich werde von dieser Sehnsucht gepackt. Es weist nichts Spezielles im Vorfeld darauf hin, dass dieser Moment kommen wird. Oft ist es nur ein Windhauch, der den Duft einer Erinnerung heranträgt. Oder das Zwitschern eines Vogels, das mein Ohr streift. Bisweilen ist es einfach der Anblick des traurigen Olivenbaums auf meiner Terrasse, der sich wie ich nach mediterraner Sonne sehnt und diese unbändige Reiselust in meinem tiefen Inneren weckt. Dann schließe ich meine Augen und denke mich fort – dorthin, wo ich immer am glücklichsten bin: am Meer.

Das Rauschen. Wie wunderbar das klingt. Und ich sehe es vor mir, dieses helle, grünliche Blau am Morgen, wenn die Sonne gerade aufgegangen ist. Das tiefschwarze Meer bei Nacht, das man nur hört und riecht. Dieses besondere Gefühl im Salzwasser, wenn der Körper ganz leicht wird, die verklebten Haare danach, den Geruch des Salzes, das auf der Haut trocknet. Dieses Bitzeln im Kopf, wenn man in kaltem Wasser ganz untertaucht. Dieses Glück, in die Wellen zu rennen und einfach ins Wasser zu kippen.

Mein Fernweh wird immer stärker, ich recherchiere nach Flügen und es dauert nicht mehr lange, bis es endlich gestillt wird. Dann mache mich auf den Weg. Auf den Weg zum Ort meiner Träume. Ans Meer.

 

Immer wieder Portugal

Diese fünf speziellen Minuten Fernweh und die Sehnsucht nach Meer und Sonne haben uns dieses Mal nach Portugal katapultiert. Wiederholungstäter. Wieder einmal.

Was kann man schon dagegen sagen? Portugal ist ein Land voller Lebenslust, Vielseitigkeit und wilder Schönheit. Wer einmal in Portugal war, kommt einfach immer wieder zurück. Abwechslungsreicher und vielfältiger kann ein Ferienziel fast gar nicht sein! Dazu nah, sonnig und bezahlbar. Nun gut, das mittlere Attribut hat sich dieses Mal nicht unbedingt bewahrheitet und auch im nördlichen Teil des Landes sitzt man mitunter tagelang im Seenebel fest.

Dementsprechend erfahren haben wir die Algarve als Anlaufstelle gewählt. 3200 Sonnenstunden im Jahr verspricht die Region, das ist Europarekord. Die Chance wettertechnisch daneben zu hauen ist gering. Wir haben es trotzdem geschafft.

Praia Verde nebst schnieken Boutique Hotel an der Sandalgarve ist unsere Bastion für eine Woche. Wir haben ein Auto angemietet. Anders als bei unserem Portugal Roadtrip, möchten wir es dieses Mal nur für Ausflüge nützen. Unser Umzug an die niederländische Nordsee war kräftezehrend und ein zartes Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung macht sich breit. Auch das Tochterkind hat uns nahegelegt, dass ihr unsere Art des Reisens zunehmend stinkt. Ständig Ausflüge, ständig auf Achse, ständig Weiterziehen.


Nordseefeeling hinter Faro

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Es konnte ja keiner ahnen, dass das Wetter und die Sandalgarve – so wunderschön sie ist – meiner neuen Nordsee Heimat ähnelt und genau das uns letztlich erdet, aber den Entdeckerdrang erst anstachelt.

Nichts mit Füße hochlegen, nichts mit in der Sonne braten und Vitamin D für den Winter tanken.

Kurz hinter Faro beginnen schier endlose Sandstrände. Die wollen erlaufen werden. Bis an Spaniens Grenze. Sanfte Dünen mit wogendem Gras gesprenkelt. Manche Strände sind durch Lagunen vom Festland getrennt. Breite Sandinseln schieben sich vor die Küste und lassen die einzigartige Hafflandschaft Ria Formosa entstehen, ein Naturschutzgebiet und Vogelparadies. Man braucht nicht einmal Glück, um Flamingos zu Gesicht zu bekommen. Fischerboote setzen Urlauber über oder man nimmt die Bimmelbahn, die an den Praia de Barril auf der schönen Ilha de Tavira zuckelt.

Mild ist es jedenfalls und vereinzelt kommt sogar ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke. Das tüncht den Sand und die Klippen der Felsalgarve in ein wohlwollendes goldenes Licht.


Westen und Ostern hui, Mitte pfui

Die Westküste ab Sagres hat es mir schon vor Jahren angetan. Den Westen beherrscht eine imposante, oft windumtoste Steilküste mit bizarren Grotten, kleinen Buchten und wilden Stränden beliebt beim Surfervolk. Hier ist alles entspannter und im Mittelpunkt steht nicht die touristische Infrastruktur, sondern die gewaltige Natur. Bei Lagos zieht die Natur ebenfalls alle Register und zeigt, was sie kann. Die Ponta Piedade ist ein Spektakel aus surreal anmutenden felsigen Fingern, Bögen, Zacken und Türme, die sich aus den blaugrün schimmernden Fluten des Atlantiks herauswinden. Schaukelnde Fischerboote schippern Touristen gekonnt zwischendurch in die engen Grotten (Boottour im Fischerboot ab Lagos für 15€ p.P/10 für Kinder).

 

Auch die Sandalgarve von Faro bis zu Grenze ist eine Perle, wie ich auf dieser Reise feststelle. Die Atlantikwellen rollen direkt auf die nun breiten Sandstrände. Die Strömung ist schwach, der Strand hell und sanft ins Meer abfallend. Mit einem Wort: familienfreundlich. Doch dazwischen hat Portugal in den 60er Jahren seine Seele an den Tourismus-Teufel verkauft. Am besten nur nach vorne schauen. Hinter schöner Strandkulisse der Südküste verbergen sich gesichtslose Hotels und Anhäufungen öder Ferienhäuser. Gut, dass die entzückenden Dörfer des Hinterlands und smarte Küstenstädtchen wie Tavira, Faro und Olhao sich ihren Charme bewahrt haben. Denkmalgeschützte Altstädte, hübsche Einkaufsmeilen, das schwarz-weiße Kopfsteinpflaster, charmante Straßencafés, vorzügliche Restaurants. Für jeden ist etwas dabei. Und eifrig klappern dazu die Störche in ihren Nestern auf den Strommasten und Kirchendächern.

 

Am Ende der ausgearbeiteten Entspannungsreise ans Meer haben wir 1000 km mehr auf dem Tacho, unser lässiges Hotel kaum von innen gesehen, das Meer dafür immer im Blick gehabt, immerhin 1,5 Strandtage, 16 Sonnenstunden in 8 Tagen, 1 Kilo mehr auf der Waage, 12 Gin Tonic intus, 5 Stunden Gemeinschafsspiele, nur ein Buch gelesen, 2 zufriedene Erwachsene, 1 mäßig zufriedenes Kind, Olivenöl im Gepäck und schon wieder dieses komische F-Gefühl im Bauch. Also eigentlich alles doch wie immer.

 

PS: Für alle, die Mitleid haben: Nächstes Jahr darf das arme Kind eine Woche mit Oma und Opa in den Cluburlaub. Wobei ich ein Zögern vernommen habe, als ich von unseren Reiseplänen erzählte. Ganz so schlimm scheint das Reisen mit uns doch nicht zu sein.

 

Die Sandalgarve und Umgebung um Lagos zum Nachmachen:


Sightseeing:
  • Faro – nicht links liegen lassen. Es ist ein erstaunlich lebhafter Ort für einen Zwischenstopp mit viel portugiesischem Flair.
  • Parque Natural da Ria Farmosa – obwohl diese besondere Landschaft an der belebten Algarveküste liegt, erscheint sie wie echte Wildnis. Die unter Naturschutz stehende Lagune besteht aus weiten Feuchtgebieten und Salinen, Bächen und Düneninseln. Am besten erwandern oder eine Boottour buchen.
  • Tavira – mein Augenstern. Kaum ein anderer Ort an der Algarve kann es mit dem Charme dieser malerischen Stadt am Fluss aufnehmen.
  • Olhão – einen Katzensprung von Faro entfernt. Im Hafenviertel ist immer was geboten und die Gassen der Altstadt mit maurischem Einfluss sind hübsch und geschäftig. Samstags auf dem Fisch- und Gemüsemarkt steppt der Bär.
  • Castro Marim – wirkte im Oktober ein bisschen ausgestorben aber oben vom Kastell eröffnen sich schöne Ausblicke auf die Salinen und rüber nach Spanien.
Die schönsten Strände der Sandalgarve:
  • Praia Verde: entspannt, lang und weit und im Oktober menschenleer.
  • Manta Rota: noch ein bisschen hübscher als Praia Verde, eine weitläufige Landschaft aus Dünen, die trotz touristischer Infrastruktur naturbelassen erscheint.
  • Praia Cabanas: llha de Cabanas gehört zum einzigartigen Naturschutzgebiet Ria Formosa. Der gleichnamige Strand verspricht einen Tag voller Entspannung. In regelmäßigen Abständen fahren Boote hierher.
  • Playa do Barrill und Ilha de Tavira – das Kronjuwel der Sandalgarve mit einem pittoresken Ankerfriedhof und lustiger Bummelbahn.
Strände bei Lagos:
  • Meia Praia: beliebter, landschaftlich schöner, langer Strand bei Lagos
  • Paraia da Dona Ana & Praia do Camilo: die Postkartenstrände der Algarve mit goldenen Felsformationen.
Essen/Wohnen:
  • Parai Verde Boutique Hotel mit Restaurant de Terra: Stylishes Hotel aber auch äußerst kinderfreundlich mit lässigem lecker Lokal. (hohes Preisniveau)
  • Aquasul in Tavira: Nicht lange suchen, gleich das Aquasul ansteuern. Wir haben wunderbar diniert. Gute vegetarische Auswahl.
  • Tasca da Lota und Tasca di Kiko Erstere ist eine zwanglose Fischtaverne im Hafen von Lagos, die auch uns Vegetarier schwach werden hat lassen. Tasca di Kiko ist ein bisschen schicker aber nicht weniger gut. Lasst Euch vor der seltsamen Lage im Hafenareal nicht abschrecken.

6 comments

  • nicole

    wunderschön! Mehr Meer <3<3 wenn das Kind mit Oma und Opa fährt, habt Ihr einen Platz frei oder? komme ich gern mit 🙂

  • Liebe Eva,

    die Sehnsucht die du beschreibst kenne ich nur zu gut. Aber auch das Gefühl, wenn diese Sehnsucht, dieses Fernweh endlich gestillt wird. 🙂 Tatsächlich war ich noch nie in Portugal und das Meer im Allgemeinen löst in mir auch kein Fernweh aus. Aber auch ich habe diese Orte. Es sind die Wiesen und Wälder, die Berge und die Städte dieser Welt. Was soll ich sagen, ich bin eben kein Meertyp – oder zumindest die meiste Zeit nicht.
    Dennoch sehen deine Bilder traumhaft aus und diese Leidenschaft mitd er du schreibst ist richtig ansteckend. Vielleicht wird es ja doch noch etwas, mit Portugal und mir. 😉

    Viele liebe Grüße
    Kathi

  • Oh, da weckst du aber auch bei mir heftig Fernweh!
    Das sind wunderschöne Bilder. Die Algarve steht schon lange als Sehnsuchts-Reiseziel auf meiner Liste, aber bisher habe ich es noch nicht nach Portugal geschafft.
    Zeit, dass sich das ändert!

    LG
    Gina

  • So oft wollte ich schon in die Algarve. Damals hatte ein Arbeitskollege, der in der Algarve ein Haus hatte, uns angeboten, in seinem Haus zu wohnen, wenn wir wollten. Es wäre auch fast dazu gekommen, nur lag ich mit einer fiesen Grippe im Bett. Danach kam es nicht mehr dazu. Leider. Wenn ich so deinen schönen Bericht lese, merke ich, ich sollte mal dahin.
    Liebe Grüße, Selda.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.